Eine Geschichte aus dem Kolping-BFZ Paderborn
"Mein Leben läuft!"
Andre Neumann und sein Ausbilder Clemens HershoffFoto: Auffenberg, KBW Paderborn. Wenn André Neumann (24) von seiner Vergangenheit spricht, dann mag man nicht glauben, dass er tatsächlich von sich selbst redet. Kann das sein, dass dieser junge Mann mit dem offenen Blick, der so klar und reflektiert erzählt, der jetzt aufs Geld verdienen brennt, noch vor drei Jahren so anders war? Der dreimal seinen Hauptschulabschluss vertan hat, weil er einfach nicht hingegangen ist? Ja, er ist derselbe. Derzeit schließt André Neumann im Kolping-Berufsförderungszentrum an der Otto-Stadler-Straße eine Ausbildung zum Industriemechaniker ab. Und was hat die Wende gebracht? „Wie sie hier mit mir umgegangen sind.“
Als vor drei Jahren der Brief von der Arbeitsagentur kam, er solle doch mal wegen einer möglichen Ausbildung kommen, da ist er zähneknirschend hingegangen. „Ich habe gehofft, dass es nichts wird“, sagt er heute. Er hatte einfach keine Lust. Er hatte zu überhaupt gar nichts Lust. Warum auch? Er hatte keinen Schulabschluss, dafür Schulden. Er jobbte ein bisschen mal hier, mal da. Was sich so leicht anhört, ist in Wahrheit Stress. Da heraus zu kommen, wird schwer und schwerer, denn die Gründe, in Deckung zu bleiben, werden mehr, die Aussichten geringer, die Zahl der Mahner und Kritiker wird größer. So gesehen, war seine Entscheidung, doch mal zur Arbeitsagentur zu gehen, womöglich eine der wichtigsten seines Lebens.
Die Agentur schickte ihn zu Kolping, wo er im Rahmen des Sonderprogramms „Dritter Weg“ eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer absolvieren konnte, trotz seines Alters, trotz des fehlenden Schulabschlusses. Doch auch bei Kolping hatte er erhebliche Startschwierigkeiten. „Den Tagesablauf reinzukriegen, war sehr schwer“, sagt er heute, „sie mussten mir oft in den Hintern treten.“ Nach einem halben Jahr hat er verstanden, worum es geht: um sein Leben. Denn er hatte Menschen um sich, die an ihm interessiert waren. Die wollten, dass er es packt und die eine unendliche Geduld mit ihm hatten. Clemens Hershoff ist einer von denen, sein Ausbilder. Wenn er vor drei Jahren vorausgesagt hätte, was aus André Neumann mal wird, „dann hätten sie mich alle für bekloppt gehalten“, sagt er. Und jetzt: „Der will lernen, der macht garantiert noch weiter.“
Die Fähigkeit zu lernen, hatte er, die Bereitschaft dazu fehlte. Andre Neumann sagt, es sei besonders der Umgang miteinander, der ihn verändert habe. „Da wo ich her komme, ist der Jargon doch ganz anders.“ Respekt gab es dort auch nicht und Disziplin erst recht nicht. Beides hat er bei Kolping erstmals überhaupt erlebt. Und er hat gelernt, dass es lohnt, dies selbst zu praktizieren. „Mein Leben läuft“, sagt er, und: „jetzt kann ich mich wirklich freuen, auf das, was noch kommt.“
Claudia Auffenberg
