Sachsen-Anhalts Ministerpräsident bei Kolping-Diözesanversammlung
"Nächstenliebe wird entscheidend"
Stephan Stickeler (links), Kolping-Diözesanvorsitzender und Dr. Reiner Haseloff, Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt. Foto: Auffenberg, KBW
Olsberg. Am Ende gab es stehende Ovationen, obwohl der sachsen-anhaltinische Ministerpräsident Dr. Rainer Haseloff nicht gerade angetreten war, um zu unterhalten. Die Mitglieder des Kolpingwerks im Erzbistum Paderborn, die ihn zu ihrer Diözesanversammlung nach Olsberg eingeladen hatten, erlebten einen ernsthaften und nachdenklichen Politiker, wie man sie sonst – zumindest im Fernsehen – nicht sieht. Einen Politiker zudem, den eine Frage umtreibt: Was wird aus diesem Land, wenn es seine christlichen Wurzeln vergisst?
Es sind naturgemäß nicht die leeren Kirchen, die einen Politiker beunruhigen, auch einen CDU-Politiker nicht, aber das, was womöglich danach kommt: „Das Gesellschaftsmodell der Bundesrepublik beruht auf dem christlichen Menschenbild“, so Haseloff, „was steht auf dem Spiel, wenn dieses Menschenbild nicht mehr klar ist?“ Dieses Modell habe sich gerade in der gegenwärtigen Krise bewährt, sei aber dennoch in Gefahr: Die Verfassung, in der von Verantwortung vor Gott und den Menschen die Rede sei, die Sozialsysteme mit ihrem Solidarprinzip bis hin zur sozialen Marktwirtschaft, die einst nicht von der Politik, sondern in den Kirchen ersonnen wurde, das alles stehe vor einem gewaltigen Umbruch, „wenn die Gesellschaft nicht mehr versteht, dass das alles mit dem christlichen Menschenbild zu tun hat und was die christlichen Werte auch im strukturellen Bereich ermöglichen.“
Er warb daher ausdrücklich bei den Kolping-Mitgliedern darum, für diese Werte klar und offen einzustehen. Früher in der DDR habe er bei Fronleichnamsprozessionen erlebt, dass es vom Straßenrand herübergeschallt habe: „Ihr lauft der falschen Fahne hinterher“, wenn sie das Kolping-Banner trugen. „Heute können wir feststellen, dass das ein Irrturm war und sich Kolping, nicht Marx, durchgesetzt hat.“ Dennoch bestehe kein Anlass für Untätigkeit. „Wir Politiker können uns jeden Tag mühen und neue Gesetze machen, aber wir werden existenzielle Fragen nicht lösen, wenn nicht jeder einzelne bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.“ Schon der demographische Wandel werde dazu führen, dass „Nächstenliebe das entscheidende Kriterium für die Zukunft der Gesellschaft wird.“ Daher ermutigte er die Kolpingmitglieder ausdrücklich, nicht nur das Kolpingbanner zu tragen, sondern auch Kolpings Ideen zu leben. „Kolping wird gebraucht!“ sagte der Ministerpräsident.
Von dieser Überzeugung getragen, beschloss die Versammlung ein neues Verbandsprojekt, das den Kolpingsfamilien vor Ort neue Impulse für ihre Arbeit geben will. Das Projekt trägt den Titel „Selbst bewusst, Stärken bilden, außen wirken“. Begleitet von geschulten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind die Kolpingsfamilien eingeladen, sich ihrer Wurzeln zu vergewissern und daraus konkrete Ideen für die Zukunft zu entwickeln.
Die Diözesanversammlung ist das höchste beschlussfassende Gremium des Kolpingwerks. Im Erzbistum Paderborn gehören dem Verband mehr als 30.000 Mitglieder an.
