„Globale Krisen erfordern globale Lösungen“

Kolpingwerke in Paderborn und Mexiko fordern solidarische Initiativen

Die Corona-Pandemie macht deutlich: In einer globalisierten Wirtschaft und Gesellschaft braucht es globale Lösungen für globale Krisen. „Die Notwendigkeit einer Betrachtung der weltgesellschaftlichen Auswirkungen der Krise, aber auch unserer Lebensweise, wird in diesen Tagen offensichtlich“, sagt Thorsten Schulz, Diözesansekretär des Kolpingwerkes Paderborn und Vorsitzender des Finanzausschusses von KOLPING INTERNATIONAL.

Geflüchtetenkrise, Klimakrise, COVID-19: „Die Nachrichten über die Krisen dieser Zeit erreichen uns nur scheinbar zusammenhanglos“, so Schulz. „In ihrer Gesamtheit betrachtet, führen sie uns die Notwendigkeit ganzheitlicher Lösungsansätze vor Augen.“ Diskussionen um Hilfen für Länder in Afrika, die in der Sorge vor weiteren Flüchtlingsströmen begründet sind, oder die Debatte um einen gemeinsamen europäischen Rettungsschirm seien nur zwei Beispiele für aktuelle Diskussionen, die deutlich machten, dass eine völlige Abschottung in Krisenzeiten kein gangbarer Weg ist.

„Die Corona-Krise hat nicht nur die Weltwirtschaft ins Wanken gebracht, sondern auch das globalisierte Gesellschaftsmodell, in dem alles vernetzt ist und nichts so weit weg, dass es uns nicht betrifft“, analysiert Rafael Jacobo, Leiter des Kolpingwerkes in Mexiko, die derzeitige Situation.

Während im Globalen Norden der Welt die positiven Seiten der Krise mit all ihren Einschränkungen diskutiert werden, zum Beispiel Entschleunigung, mehr Zeit für die Familie, den Garten oder das Lieblingsrezept, harren im Globalen Süden Großfamilien auf engstem Raum aus. Ihre Arbeit als Tagelöhner wird ihnen durch Ausgangssperren untersagt. „Globale Ungerechtigkeiten sind nichts Neues, doch neu ist: Das Virus unterscheidet nicht zwischen arm und reich, zwischen Globalem Süden oder Globalem Norden. Es betrifft uns alle. Aber einige mehr“, fasst Diözesansekretär Thorsten Schulz zusammen.

Aufgrund der seit mehr als 30 Jahren bestehenden, engen partnerschaftlichen Beziehungen nach Mittelamerika hat das Kolpingwerk Paderborn Anfang April einen Corona-Hilfsfonds für Honduras aufgesetzt mit dem Ziel, die Lebensmittelversorgung vor allem für die Menschen in den ländlichen Gebieten sicherzustellen. „Maßnahmen wie diese machen die Absurdität des bestehenden Systems deutlich“, betont Schulz. „Wir organisieren Lebensmittellieferungen für Kleinbauern und Produzenten, die wegen der Klimakrise große Teile ihrer Ernten einbüßen und wegen der Ausgangssperren ihrer Arbeit nicht nachkommen können.“ Schon unter normalen Bedingungen ist das Überleben in den ländlichen Gebieten im Globalen Süden eine Herausforderung. Die Preissteigerungen, die die Corona-Krise auslöst, machen nun selbst die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln unmöglich. Nicht nur in Honduras reiht sich COVID-19 in eine lange Reihe multipler Krisen ein: Auf Klimakrise, Flüchtlingsströme und Denguewelle folgen Versorgungs-, Gesundheits- und Korruptionskrise.

„Eine Situation, die lange vor COVID-19 ihren Ursprung hat“, wie Thorsten Schulz feststellt: in billigem Konsum, unfairen Löhnen, internationalem Finanzdruck, fehlenden Perspektiven, einem spekulativen Weltmarkt und dem Ignorieren der Klimaerwärmung. „Einen Flächenbrand löscht man nicht, indem man auf eine Stelle Wasser schüttet“, so Schulz. Umso deutlicher werde die Notwendigkeit einer näheren Betrachtung der weltgesellschaftlichen Auswirkungen unserer Lebensweise und der Zusammenhänge zwischen der Abholzung von Wäldern, der Ausrottung der Tierwelt, der Erwärmung des Klimas und unserem konsumorientierten Lebensstil. „Faktoren, die den Ausbruch von Pandemien begünstigen.“

„Eine Lektion dieser Krise ist, dass wir eine Welt für Alle brauchen, ansonsten wird es keine Welt für niemanden geben“, weiß auch Rafael Jacobo, Leiter des Kolpingwerkes in Mexiko. Die Pandemie führe in unserem zunehmend auf Individualität ausgelegten Wertekonstrukt eine neue Rangordnung ein. „Da Wachstum eines unserer gesellschaftlichen Ziele ist, ordnen wir ihm alles andere unter“, betonte Kai Kuhnhenn vom Konzeptwerk Neue Ökonomie Ende vergangenen Jahres bei einer Fachtagung des Kolpingwerkes Paderborn. Zumindest in Nicht-Krisenzeiten.

Dass die Krise diese Annahme außer Kraft setzt, zeigte sich, als schon nach wenigen Tagen die ersten Fließbänder der Automobilbranche still standen und die Schließung der Schulen und Kitas Familien vor massive organisatorische und persönliche Herausforderungen stellte. „Wir müssen unsere Gesellschaft zu einer bedürfnisorientierten Gesellschaft umwandeln“. Diese Aussage Kuhnhenns kann in der aktuellen Situation nicht treffender sein. „Wann sonst wurde Sorgearbeit so viel Wertschätzung entgegen gebracht? Wann sonst haben wir so deutlich gespürt, dass wir mit stillstehenden Fließbändern, nicht aber ohne den persönlichen Kontakt zu den eigenen Eltern klar kommen können? Wann sonst wurde eine Debatte über die Systemrelevanz von Landwirtschaft, Bildung und Care-Arbeit so intensiv geführt wie jetzt?“ fragt Thorsten Schulz.

Gerade verbindet die Gesellschaft der Wunsch einer baldigen Rückkehr zur Normalität. Doch es gibt andere Meinungen: „Wir werden und wir wollen nicht zur Normalität zurückkehren“, betont Rafael Jacobo. „Wir müssen uns neue Normalitäten schaffen“. Thorsten Schulz ergänzt: „Als Sozialverband wollen wir Teil der Lösung, nicht Teil des Problems sein“. Dafür brauche es mehr als die Fixierung auf eine Rückkehr zur Normalität. „Wirkliche Veränderung bedarf einer globalen Perspektive, einer inklusiven Perspektive, eines Bewusstseins für unsere gemeinsame Verantwortung.“

Der Wandel braucht Akteure. Und die sind aktiv, auch in Krisenzeiten. „Es ist offensichtlich, welche Systeme momentan gut funktionieren“, so Schulz. Solidarität, Suffizienz, Digitalisierung und Transformation – Schlagwörter, mit denen sich die Gewinner der Krise identifizieren können, denn Initiativen mit sozial-ökologischer Ausrichtung zeigen sich momentan krisenresistenter als profitstrebende Wirtschaftskonzerne. „Kollektive Lebensgemeinschaften kämpfen nicht gegen Einsamkeit. Mitglieder solidarischer Landwirtschaften sind in Krisenzeiten sicher mit Lebensmitteln versorgt. Frei verfügbare digitale Programme werden von tausenden Schülerinnen und Schülern und Menschen im Homeoffice geschätzt. Tauschen und Teilen war nie so angesagt, in der digitalen wie in der analogen Welt.“

„Bringen wir die sozialen Medien ins Rollen. Beginnen wir tausend solidarische Initiativen, die die Schwächsten unterstützen, die lokale Wirtschaft stärken, die Leben in unseren Gemeinden schützen und die Treibmittel sind für eine neue Form, auf uns und die Schöpfung Acht zu geben“, fordert Rafael Jacobo, der die Grundsätze des guten Lebens und der solidarischen Ökonomie schon lange vor COVID-19 als Auswege aus der gesellschaftlichen Krise definiert hat.

Mitarbeiter des Kolpingwerkes Honduras verladen Lebensmittel, die mit Spenden aus dem Diözesanverband Paderborn gekauft wurden. „Maßnahmen wie diese machen die Absurdität des bestehenden Systems deutlich“, sagt Diözesansekretär Thorsten Schulz.