Demokratische Strukturen erlebbar machen

Workshop beeindruckt Schüler*innen mit einem Zeitzeugengespräch

Workshop-Referent Babak Sadaghian, Schülerin und Schüler, Lehrer Frederik Brockmeyer und Zeitzeuge Wolfgang Reiche stehen zusammen vor der Power-Point-Präsentation Referent Babak Sadaghian (links) und Zeitzeuge Wolfgang Reiche (Dritter von rechts) besuchten den Politikunterricht im Kolping-Berufskolleg Gütersloh in der Ausbildungsvorbereitung in der Agrartechnik. Foto: Jana Sudhoff Seine Lebenswege kreuzten sich mit den markanten geschichtlichen Ereignissen der deutschen Teilung. Wolfgang Reiche hat alles selbst und mittendrin erlebt: den Mauerbau am 13. August 1961, einen gescheiterten Fluchtversuch am selben Tag, eine geglückte Flucht am 7. Oktober 1964 sowie den Fall der Mauer am 9. November 1989. Davon profierten jetzt die Schüler*innen der Ausbildungsvorbereitung in der Agrartechnik am Kolping-Berufskolleg Gütersloh.

Wolfgang Reiche war auf Einladung der Deutschen Gesellschaft als Zeitzeuge zu Gast, um den interaktiven Workshop „Im Namen des Staates – Demokratie und Diktatur in Deutschland im Vergleich“ mit seiner Lebensgeschichte zu bereichern und damit den Unterschied zwischen Rechtsstaat und Diktatur erlebbar zu machen.

Vertrauen in demokratische Institutionen stärken

Heute lässt sich „ein Schwinden des Verständnisses für den Unterschied zwischen repressiver Machtausübung in autoritären Systemen und rechtsstaatlichen Formen staatlicher Kontrolle in Demokratien beobachten“, erklärt die Deutsche Gesellschaft den Hintergrund ihres Workshopangebots. Ihr Ziel ist es daher, den Jugendlichen ein Bewusstsein für den Wert von Rechtsstaatlichkeit zu vermitteln und am historischen Beispiel der DDR den Blick für die Unterschiede zwischen staatlicher Kontrolle in einem Rechtsstaat und einem autoritären System zu schärfen.

Wolfgang Reiche bot den Schüler*innen Eindrücke aus erster Hand über ein Leben in einem autoritären Staatssystem, über die Gründe für seine Flucht und seine gefährliche nächtliche Überquerung der Sperranlagen Richtung Freiheit im Alter von 17 Jahren. „Die Schüler*innen waren beeindruckt von seinem Leben und dass ihm mit gerade einmal 17 Jahren die selbstorganisierte Flucht gelang, bei der er ganz auf sich allein gestellt war“, schildert Lehrerin Marina Bidlingmeier die Rückmeldung ihrer Schüler*innen. Die Politiklehrerin hatte zusammen mit ihrem Kollegen Frederik Brockmeyer den Workshop für ihre Klassen organisiert. Eindruck hatten vor allem die präparierten Fluchtschuhe des jungen Wolfgang Reiches gemacht, mit Hilfe derer er den Maschendrahtzaun im Gefüge der Sperranlagen überwand – in einer Fluchtaktion, für die er als Orientierung nur eine Karte aus seinem Schulatlas zur Verfügung hatte und die nur dank mehrerer glücklicher Zufälle glückte.

Historischer Überblick als Basis

Für das Zeitzeugengespräch gab es zuvor fachlichen Input. Babak Sadaghian, Historiker und Referent der Deutschen Gesellschaft, vermittelte die historischen Hintergründe der deutschen Teilung und der Entstehung von DDR und BRD. Die zentralen Elemente staatlicher Kontrolle in der DDR lernten die Schüler*innen in einer Stationenarbeit kennen. Videos, Statistiken, Fotos und Zeitungsberichte gab es zu den Themen Berufs- und Ausbildungsfreiheit, Wahlen und politische Mitbestimmung, Bildung und Erziehung, Überwachung und Geheimdienste, Presse- und Meinungsfreiheit, Reisefreiheit und Mobilität, Zivilgesellschaft und Engagement.
Der Workshop kam als Bereicherung des Politikunterrichts bei den Schüler*innen gut an. Für die Zukunft wünschen sie sich daher mehr externe Referent*innen.
Einen Wunsch für die Zukunft gab auch Wolfgang Reiche den jungen Menschen mit auf den Weg: „Seid aufmerksam und lasst euch nicht von Parolen und populistischen Botschaften vereinnahmen. Versucht, euch eure eigene Meinung zu bilden.“