Graffiti als Motor fürs Lernen
Street-Art-Projekt im Forscherhaus wirkt nachhaltig
Foto: Sonia Russo
Große, bunte, füllige Schriftzüge, Comic-inspirierte Characters, glanzvolle Effekte, Tags, Farbwolken und Street-Art-Motive: 100 Quadratmeter Schulwände erstrahlen in bester Graffitimanier. Das Graffiti-Projekt hat in der Forscherhaus Sekundarschule in Bünde aber nicht nur frische Farbe in den Schulalltag gebracht. Aus dem erlebnispädagogischen Projekt haben die Schüler*innen wertvolle Erfahrungen fürs ganze Leben mitgenommen.
Schüler*innen aus den Jahrgangsstufen 7 bis 9 hatten sich für das Graffiti-Projekt „Street Art meets MINT Production“ – eine Kooperation mit der Rapschool NRW, der Maler- und Lackiererinnung Herford und dem MINT-Netzwerk experiMINT – beworben. 20 ausgewählte Jungen und Mädchen wurden schließlich von zwei Graffiti-Dozenten der Rapschool NRW begleitet und in die Kunst des Graffiti-Sprühens eingeführt. Sie haben zwei Wochen lang in vier Kleingruppen Ideen gesammelt, Zeichnungen erstellt, Konzepte entworfen und ihre Entwürfe schließlich an die Wände gebracht. Verewigt haben sie ihre Assoziationen zu den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Technik und Naturwissenschaften, und das alles im Street-Art-Style – ein kreatives Zusammenspiel von Kunst und Technik.
Vorgeschmack auf die Berufswelt
Ein Schlüsselerlebnis: Es bedarf einer großen Planung bis zum fertigen Werk. „Man kann nicht einfach drauf lossprühen, man muss ein Konzept haben“, rekapitulierte einer der Jugendlichen. Schriftzüge wurden geübt, Motive entwickelt, der Umgang mit Spraydosen trainiert, kleine Skizzen und große Entwürfe gefertigt, Techniken für Perspektive und Tiefenwirkung gelernt – ganz zu schweigen von den Vorarbeiten an den Wänden.
Einen Einblick in die professionelle Untergrundvorbereitung und damit eine Berufsorientierung inklusive bekamen die Schüler*innen bei einem Besuch der Maler- und Lackiererinnung Herford. Die Experten führten die Jugendlichen in wichtige Grundlagen ein – vom professionellen Abkleben über die richtige Vorbereitung von Flächen bis hin zum fachgerechten Streichen.
Was die Schüler*innen aus dem fächerübergreifenden Projekt mitgenommen haben, geht weit über künstlerische Fertigkeiten hinaus. „Ich habe gelernt, mich durchzubeißen und nicht aufzugeben“, berichtete eine Schülerin. Denn für ein nicht fertig ausgemaltes Motiv gab es auch mal klare Worte von den Dozenten. „Pfusch kann man sich nicht leisten. Die Schüler*innen haben damit einen Eindruck bekommen, was es bedeutet in der Berufswelt einen Auftrag zu haben“, sagt Kunstpädagogin Sonia Russo, die das Projekt initiiert hatte. Profitiert haben auch die anderen Fächer: beispielsweise die Flächenberechnung im Fach Mathematik.
Erstes Schul-Graffiti-Projekt im Raum Herford
Durch den jahrgangsübergreifenden Ansatz arbeiteten diesmal Schüler*innen in anderen Konstellationen als üblich Hand in Hand. „Ich habe gelernt, dass man mit Konflikten klarkommen muss, wenn man ein Projekt erfolgreich zu Ende bringen will“, schilderte eine Schülerin: „Teamarbeit ist wichtig.“ Ein Erfolgserlebnis, das auch den Schüler*innen Mut macht, die in den Hauptfächern ihre Schwächen haben. Ganz besonders die anerkennenden Blicke aus der Schulgemeinschaft gaben zusätzlichen Rückenwind fürs Selbstbewusstsein. Bei einem „Art Walk“ hatten die Nachwuchs-Sprayer*innen Lehrkräften und allen Schüler*innen ihre Werke präsentiert.
Trotz der intensiven und anstrengenden Projektarbeit sind jetzt alle stolz auf das Ergebnis. „Das waren sehr viele lehrreiche Schritte und Lerngewinne, die man auch auf andere Fächer übertragen kann“, resümiert Sonia Russo. Eigentlich war die Kunstpädagogin „nur“ auf der Suche nach neuen Ideen gewesen, um die Schule zu verschönern. Dann war sie bei ihrer Internetrecherche auf die Graffiti-Workshops der Rapschool NRW gestoßen. Erfreulicherweise fand sie ein Projekt, das sich als eine ideale Ergänzung zum pädagogischen Konzept der Schule erweis. Es schuf einen Rahmen, handlungsorientiertes und fächerübergreifendes Lernen direkt zu erleben.
Gefördert wurde das Projekt von der zdi (Zukunft durch Innovation.NRW) und ist bisher das erste Graffiti-Projekt an einer Schule im Raum Herford.