Großübung für den Ernstfall

TGB stellt einen großen Teil der Rollenspielenden

Ein Szenarium der Katastrophenschutzübung auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik in Warburg Foto: Eva Klare-Kurtenbach Warburg wurde zum Schauplatz einer der größten Katastrophenschutzübungen in ganz OWL. Und das Theresia-Gerhardinger-Berufskolleg (TGB) Rimbeck war mittendrin. Der Kreis Höxter hatte mit der Landesstelle für den Katastrophenschutz, der Bezirksregierung Detmold und der Freiwilligen Feuerwehr Warburg die Katastrophenschutzübung DIEMELSTURM.HX26 organisiert. Für diese Simulation einer komplexen Schadenslage hatten mehr als 200 Unfalldarsteller*innen schauspielerisches Talent bewiesen, um für die Einsatzkräfte diverse Szenarien möglichst realistisch werden zu lassen – darunter 100 Studierende und Lehrkräfte des Rimbecker Kolping-Berufskollegs, bei denen diese außergewöhnliche Erfahrung bleibende Eindrücke hinterlassen hat.   

Inszeniert wurde auf dem alten Zuckerfabrikgelände in Warburg das fiktive Musikfestival „Diemelbeats“. Ein schweres Unwetter mit Wirbelsturm verursachte innerhalb kürzester Zeit mehrere größere Schadenslagen mit zahlreichen Verletzten und vielen Menschen, die Betreuung und Unterstützung bedurften. Ein Busunfall, ein Bühneneinsturz und ein ABC-Alarm auf der Gourmetmeile wegen des Verdachts ausgetretener Gefahrstoffe aus beschädigten Reinigungs- und Desinfektionsmittelbehältern erwartete die rund 1.000 Einsatzkräfte aus ganz OWL, die mit 160 Fahrzeugen angerückt waren.

Nerven, ablenken, verkomplizieren

90 professionelle Unfalldarsteller*innen verwandelten sich dank Hautkleber, Spezialwachs, Kunstblut und flüssigem Latex in Schwerverletzte, um die Szenarien möglichst realistisch werden zu lassen. Währenddessen mimten die 100 TGB-Studierenden mit ihren vier Lehrerinnen, 40 Pflegefachkraft-Auszubildende mit ihren beiden Lehrkräften aus dem Bildungszentrum Weser-Egge sowie vereinzelnde Darsteller*innen aus örtlichen Vereinen die leicht verletzten, unverletzten und betreuungsbedürftigen Personen.

Ihre Aufgabe mitunter: die Einsatzkräfte nerven, ablenken, ihre Arbeit erschweren, sie vor zusätzliche Herausforderungen stellen. Zu den Szenarien gehörten unter anderem: ein Junggesellenabschied mit einer angetrunkenen Partygruppe, die trotz der ernsthaften Lage lieber weiterfeierte. Eine Dreiecksgeschichte, die just auf dem Festival aufflog und deren Eifersuchtsdrama daraufhin auch während der Gefahrenlage immer wieder eskalierte. Eine aufgelöste Frau, die auf der Suche nach ihrem verlorenen Portemonnaie die Einsatzkräfte immer wieder in Beschlag nahm. Eine notausgangsuchende Festivalbesucherin, die beharrlich darüber diskutierte, warum sie auf dem Gelände bleiben musste. „Ich fand es überraschend, wie authentisch es wurde und wie sehr man in der Rolle aufgegangen ist, obwohl es sich nur um eine Übung handelte“, berichtete TGB-Lehrerin Michaela Steffens, die in der praxisintegrierten Ausbildung die Erzieher*innen unterrichtet.

Gesellschaftliche Verantwortung – für Kolping selbstverständlich

Vor allem der engagierte Einsatz der Studierenden hat sie und die Kolleginnen beeindruckt. „Es war toll, wie ernst sie die unterschiedlichen Rollen genommen und wie authentisch und überzeugend sie diese ausgefüllt haben“, lobte auch Schulwerk-Geschäftsführerin Eva Klare-Kurtenbach, die die Großübung von der Ehrengasttribüne verfolgt hatte. „Ich danke allen Mitwirkenden für ihre Bereitschaft, sich auf das Übungsszenario einzulassen, ihren Mut, ihr Engagement und ihr Durchhaltevermögen. Sie haben das TGB wunderbar präsentiert“, wertschätzte TGB-Schulleiterin Mareike Gördemann den Einsatz der Gruppe. Eingebracht hatte sich auch der Oberkurs der Sozialassistent*innen. Das 20-köpfigeTeam hatte am zentralen Verpflegungspunkt an der Sekundarschule in Warburg mit ins Rad gegriffen.  

„Für uns war es selbstverständlich, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und diese wichtige Rettungsübung zu unterstützen und aktiv mitzugestalten“, betonte Eva Klare-Kurtenbach. „Unter dem Dach des Kolping-Bildungswerkes Paderborn haben wir im Kreis Höxter für mehr als 2000 Menschen institutionell eine Verantwortung: in drei Kitas, in der Jugendhilfe, in der OGS an drei Standorten, am KBBW Brakel, in drei Schulen, in der Röstwerkstatt, auf dem Gutshof und im Rahmen der Betreuungsdienstleistungen in der ZUE in Bad Driburg“, erklärte Wolfgang Gelhard, Hauptgeschäftsführer des Kolping-Bildungswerkes. „Es war für uns eine wertvolle Gelegenheit, die Abläufe beobachten zu können, um daraus für unsere eigenen Einrichtungen wichtige Erkenntnisse mitzunehmen, vor allem mit Blick auf ein professionelles und sicheres Handeln in vergleichbar ernsten Situationen“, ergänzte Hauptgeschäftsführerin Regina Schafmeister.

Für das TGB hatte die Teilnahme an der Übung noch eine besondere Bedeutung. Seit dem eigenen Busunfall in der Nacht auf Karfreitag 2024 sind die Wertschätzung und Dankbarkeit für die Arbeit von Ersthelfer*innen hier tief verankert. „Ich finde es besonders wichtig, solche Übungsszenarien zu unterstützen, weil wir selbst beim Busunfall erlebt haben, wie wichtig es ist, dass solche Abläufe professionalisiert sind“, so TGB-Schulleiterin Mareike Gördemann.

Lerngewinn für das künftige Berufsleben

Eine wichtige Erfahrung bot die Großübung den Studierenden auch als Teil der Ausbildung. „Wir bilden Menschen aus, die später selbst in Kitas, Schulen, in der OGS und der Jugendliche Verantwortung für Menschen übernehmen“, verdeutlichte Mareike Gördemann.

„Der Tag wird bei den Studierenden nachhallen“, sagte Anette Klaus, die am TGB im Lernbereich „Gesundheitssorge und Pflege“ unterrichtet. „Sie haben die Einsatzlagen sehr gut beobachtet und reflektiert, wie sie auf ihren künftigen beruflichen Posten eine Gefahrenlage händeln würden, was sie besser machen könnten und welche Dinge zusätzlich in den Blick genommen werden müssten.“

Nachdenklich machte viele, wie viel Zeit verging, bis die ersten Einsatzkräfte eintrafen und wie lange einzelne Personen auf Unterstützung warten mussten. „Man hat gesehen, wie wichtig es ist, dass Verantwortlichkeiten geregelt sind und es gute Instruktionen gibt. Gleichzeitig müssen Menschen in unüberschaubaren Situationen Verantwortung übernehmen und situativ handeln können,“ schilderte TGB-Lehrerin Maria Kenter, Bildungsgangleitung Kinderpflege, ihre Eindrücke. „Die Studierenden konnten am Beispiel der Rettungskräfte aus einer anderen Perspektive erfahren, dass es auch in ihrer eigenen Arbeit mit Menschen erforderlich macht, Situationen einzuschätzen und eigenverantwortlich zu handeln." 

Noch eine Erkenntnis, die alle unisono teilen: Es war anstrengender als gedacht. „Die emotionalen Eindrücke, die langen Wartezeiten und die pralle Sonne – in der Summe war das ziemlich fordernd“, schilderte Andrea Bussen, Klassenlehrerin für die Heilerzieher*innen. Belohnt wurde das Durchhaltevermögen jedoch mit einem gestärkten Gemeinschaftsgefühl. „Die gemeinsame Erfahrung hat uns als Team noch mehr verbunden“, sagt Andrea Bussen.