KBU-Parlamentarischer Abend 2026

Berufsbildung als strategischer Wettbewerbsvorteil

Wolfgang Gelhard, Prof. Dr. Friedrich
Hubert Esser, MdB Dr. Stefan Nacke und
Sören Reimers stehen beim Parlamentarischen Abend zusammen v.l.: Wolfgang Gelhard, Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, MdB Dr. Stefan Nacke und Sören Reimers Foto: Verband der Kolping-Bildungsunternehmen Deutschland e. V. Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, scheidender
Präsident des Bundesinstitutes für Berufsbildung (BIBB), präsentierte
beim Parlamentarischen Abend der Kolping-Bildungsunternehmen in
Berlin ein klar strukturiertes Reformprogramm für eine resiliente Berufsbildung
– und machte deutlich: Ein „Weiter so“ trägt nicht mehr.

Am 7. Mai 2026 lud die Kolping-Bildungsunternehmen Deutschland
(KBU) zum Parlamentarischen Abend 2026 in die Deutsche Parlamentarische
Gesellschaft (Jakob-Kaiser-Haus) nach Berlin. Unter
dem Motto „Berufsbildung als strategischer Wettbewerbsvorteil“ kamen
Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Bildungspraxis
zusammen. Den inhaltlichen Schwerpunkt setzte ein
vielbeachteter Impulsvortrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser,
Präsident des BIBB, der auf Basis seines aktuellen Thesenpapiers
„Flexibler, inklusiver, exzellenter – Erfolgsfaktoren einer resilienten
Berufsbildung in der Transformation“ sprach.

Alarmierende Zahlen: Der Ausbildungsmarkt unter Druck

Prof. Dr. Esser eröffnete mit einem nüchternen Lagebild: Die Zahl der Auszubildenden im dualen System ist von 1,7 Mio. im Jahr 2000 auf 1,22 Mio. im Jahr 2024 zurückgegangen. 2025 wurden mit 476.000 neu abgeschlossenen Ausbildungsvertragen rund 49.100 weniger als noch vor der Pandemie 2019 verzeichnet – ein Rückgang von 9,3 Prozent.

Besonders besorgniserregend: Zum Stichtag 30. September 2025 befanden sich 84.400 Bewerberinnen und Bewerber noch auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle – der höchste Wert seit 2010. Gleichzeitig sank das Ausbildungsangebot der Betriebe um 4,6 Prozent auf 530.300 Stellen, den zweitstärksten Rückgang seit 2009.

„Wer heute nicht ausbildet, dem fehlen morgen die Fachkräfte“, appellierte Prof. Dr. Esser eindringlich an die Unternehmen und Bildungsträger. Neben demografischem Wandel und einer gestiegenen Studierneigung verschärft die rasante Entwicklung bei Künstlicher Intelligenz die Lage: KI verändert nicht einzelne Tätigkeiten, sondern greift quer durch Berufsprofile, Qualifikationsniveaus und Branchen.

Das Gebot der Stunde: ein resilientes Berufsbildungssystem

Angesichts dieser Dynamiken plädierte Prof. Dr. Esser für ein grundlegend resilienteres Berufsbildungssystem – eines, das Unsicherheit antizipiert, statt auf sie zu reagieren. Drei Leitprinzipien standen im Zentrum seiner Ausführungen:

→ Flexibilität: Neuordnungsverfahren müssen auf ein Jahr begrenzt werden. Curriculare Modularisierung, Berufsfamilienkonzepte und Berufslaufbahnmodelle sollen Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung deutlich verbessern.

→ Inklusion: Rund 3 Millionen Erwachsene unter 35 Jahren ohne Berufsabschluss sowie rund 250.000 junge Menschen im Übergangssystem müssen durch niedrigschwellige, adressatenbezogene Angebote besser erreicht werden. Ein bundesweit verankertes Validierungssystem für non-formales und informelles Lernen ist überfällig.

→ Exzellenz: Digitale Weiterbildungsplattformen, hybride Aufstiegsfortbildungen und eine Verrechtlichung des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) sind notwendig, um Berufsbildung gesellschaftlich als gleichwertige Option zum Hochschulstudium zu verankern.

Von der Frühförderung bis zum Unternehmertum: ein Gesamtkonzept

Prof. Dr. Esser betonte, dass Reformen nicht an einzelnen Stellen des Systems ansetzen dürfen, sondern eine Gesamtstrategie erfordern. Für die vorberufliche Bildung forderte er, Übergänge als  „Chancenverbesserungssystem“ auszugestalten: mit verbindlichen Ausbildungsbausteinen, mehr Praxisanteilen in der Berufsorientierung und zeitlicher Anrechenbarkeit von Vorleistungen auf spätere Ausbildungen.

Im Bereich Unternehmertum machte er auf eine unterschätzte Starke der Berufsbildung aufmerksam: Die Meistervorbereitung und -prüfung sei konsequent als Entrepreneurship-Education-Angebot weiterzuentwickeln – ein Signal auch für den Mittelstand.

Ausdrücklich würdigte Prof. Dr. Esser studienintegrierende Angebote wie die der Beruflichen Hochschule Hamburg (BHH) als Modell für eine neue Qualität des Lernens – praxisnah, anschlussfähig und innovationsorientiert.

Ein Lebenswerk für die Berufsbildung

Der Abend war auch in einer persönlichen Hinsicht bemerkenswert: Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, seit 2011 Präsident des BIBB und nach einer bereits einjährigen Amtsverlängerung kurz vor seinem Ruhestand, gab mit diesem Auftritt eines seiner letzten öffentlichen Statements in seiner Funktion. Sein Weg – von der Ausbildung im Bäckerhandwerk über Studium und Wissenschaft bis zur Spitze des Bundesinstitutes – steht symbolisch für das, wofür er sich ein Leben lang eingesetzt hat: die Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildung.

KBU-Vorschlagspapier und gemeinsamer Austausch

Nach Diskussion und Fragerunde stellte Sören Reimers vom KBU-Hauptstadtbüro das aktuelle Forderungspapier der Kolping-Bildungsunternehmen vor, das die bildungspolitischen Positionen der KBU zu Integration, Qualifizierung und strukturellen Reformen bündelt. Moderiert wurde der Abend von Wolfgang Gelhard, Vorsitzendem des Verbandes. Die Schirmherrschaft übernahm MdB Dr. Stefan Nacke (CDU). Beim anschließenden Get-together mit Buffet  vertieften die Gaste die Themen des Abends im persönlichen Gespräch.