Kaffee verbindet: Wie Tatico Forschung und neue Perspektiven ermöglicht

Lisa Bednarz interviewt Partnerkooperativen für ihre Forschung

Lisa Bednarz steht inmitten von sechs Kaffeproduzentinnen und Kaffeeproduzenten. Lisa Bednarz lebte bei den Partnerkooperativen der Kolping Röstwerkstatt und erlebte den Alltag in der Kaffeeproduktion hautnah mit. Foto: Ramiro Aguilar Honduras haben viele nicht auf dem Schirm: In wissenschaftlichen Debatten wird das mittelamerikanische Land oft nur am Rande thematisiert. Dass jetzt honduranische Kleinstproduzent*innen im Kaffeesektor die zentrale Rolle einer Forschungsarbeit spielen, ist etwas Besonderes. Die Weichen dafür hat die Kolping Röstwerkstatt in Brakel gestellt. Sie vermittelte Lisa Bednarz für ihren Forschungsaufenthalt die Kontakte zu den Kolping-Partnerkooperativen. Daraufhin begleitete die Studentin die Produzent*innen sechs Wochen lang bei ihrer Arbeit und interviewte sie. Eine Zeit, die nicht nur spannende Erkenntnisse für ihre Studien hervorbrachte, sondern auch den Blick auf ihr eigenes Konsumverhalten veränderte.

Lisa Bednarz absolviert an der Universität Bielefeld zwei Masterstudiengänge: Politikwissenschaft und InterAmerican Studies. Der Kern ihrer Masterarbeit: Wie steuern die USA den Arbeitsmarkt im honduranischen Kaffeesektor durch entwicklungspolitische Programme, die nicht nur traditionell NGOs miteinbeziehen, sondern auch private Akteure wie große Firmen? „Ich zeige auf, wie sich die Machtverhältnisse von staatlichen hin zu privaten Akteuren verschieben und wie diese zunehmend die klassischen Entwicklungsprojekte übernehmen“, erklärt die Studentin, die dabei einen dekolonialen Blickwinkel einnimmt.  

Beeindruckt von der Solidarität in den Kooperativen

Gelebt hat Lisa Bednarz mittendrin: bei den Kaffeeproduzent*innen dreier Kooperativen. „Das hätte ich ohne den Kontakt über die Röstwerkstatt nicht machen können“, sagt die 29-Jährige. Dank der Röstwerkstatt konnte sich die Studentin unkompliziert per WhatsApp mit Ramiro Aguilar, Agraringenieur des Kolpingwerkes Honduras, vernetzen. Bei ihm hat sie nicht nur eine Weile gewohnt, er öffnete ihr vor Ort auch weitere Türen: zu anderen Kaffeeproduzent*innen bzw. Gastfamilien und zum Agrarministerium sowie dem Honduranischen Kaffeeinstitut IHCAFE. Auch in der Familie von Dulce Pérez Paz, der ehemaligen Süd-Nord-Freiwilligen im Kolping-Berufsbildungswerk Brakel, wurde sie eine Woche lang als Gasttochter aufgenommen. Und weil die gemeinsame Arbeit für den Kolping-Kaffee Tatico bei den Partnerkooperativen einen hohen Stellenwert genießt, sei von Anfang überall an eine gute Gesprächsgrundlage vorhanden gewesen.

Spannend waren die Erkenntnisse aus dem Alltag auf den Kaffeefincas in mehrfacher Hinsicht. „Überrascht war ich, wie offen sich die Menschen mir gegenüber gezeigt haben und wie kritisch sie sich äußern, besonders auch zum politischen Geschehen“, berichtet die Politikwissenschaftlerin. Wie stark die USA ihre Hände in Honduras im Spiel haben, hat die Vorstellungen der Zentralamerikaexpertin noch übertroffen. Gestaunt hat sie beispielsweise, wie groß die US-Militärbasen vor Ort sind und über die Sonderentwicklungszone (ZEDE) auf der honduranischen Karibikinsel Roatán. Die sogenannte Privatstadt wird von einer US-Aktiengesellschaft betrieben. Dahingegen war die Masterstudentin beeindruckt von den Kaffeekooperativen. „Ich finde es schön zu sehen, wie solidarisch die Menschen miteinander umgehen und wie viel sie als Gemeinschaft in den Kooperativen bewegen können. Man hat aus der Ära der US-amerikanischen Bananenunternehmen gelernt.“

Augenöffner für den Wert von Direkthandel

„Anders als ich es aus anderen Ländern kenne, ist auf Produzentenebene alles in Familienhand.“  Auch wenn große Unternehmen trotzdem ihre Finger im Spiel hätten: zur Landübernahme komme es nicht. „Die Familien verkaufen das Land nicht, alles bleibt in der Familie.“ In manchen Regionen führe dies sogar zu steigenden Grundstückspreisen. „Das ist schön zu sehen, weil man das nicht mehr gewohnt ist“, sagt die Studentin aus Bielefeld, die viel Neues über Kaffee gelernt hat – mit weitreichenden Auswirkungen. „Ich werde in meinem privaten Konsum mehr auf den Kauf aus Direkthandel achten. Nachdem ich gesehen habe, wie viel Aufwand es bedeutet, bis der Kaffee in meiner Tasse landet, habe ich guten Kaffee erst richtig wertschätzen gelernt“, sagt die Kaffeeliebhaberin, die sich zuvor noch nicht intensiv mit Lieferketten beschäftigt hatte. Die neuen Erfahrungen teilt sie auch fleißig im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis. „Es sollten sich viele Menschen gezielter damit auseinandersetzen, was sie täglich konsumieren.“

Und noch eines möchte Lisa Bednarz den Menschen ans Herz legen: Honduras. Denn die sechs Wochen dort genügten, damit sich die junge Frau in das Land, seine Landschaft und seine Menschen verliebte. „Honduras ist ein Land, das touristisch oft übersehen wird, das man aber ohne Angst bereisen kann. Das Land ist wunderschön.“ Schon jetzt spielt sie mit dem Gedanken, eines Tages für sechs Wochen als Erntehelferin auf den Kaffeefincas zurückzukehren.

Neue Erkenntnisse für die Röstwerkstatt?

Bis dahin warten aber nicht nur die Kaffeeproduzent*innen gespannt auf die Veröffentlichung der Masterarbeit. Auch Ramona Linder, Geschäftsführerin der Kolping Röstwerkstatt, wird sie mit großem Interesse lesen. „Ich bin gespannt, welche neuen Perspektiven Lisas Arbeit und Forschungsfrage auch für die Röstwerkstatt auf die Kooperativenarbeit, Organisierungsprozesse und politischen Zusammenhänge in den unterschiedlichen Regionen in Honduras eröffnet.“ Dass das Netzwerk der Röstwerkstatt und ihrer Partner*innen vor Ort die Kontakte für die Forschungsarbeit ermöglicht hat, freut die Geschäftsführerin. Denn für die Röstwerkstatt ist Kaffee mehr als ein Genussmittel. Kaffee verbindet Menschen über Kontinente hinweg. Diese Verbindungen aufzubauen und zu pflegen, internationale Zusammenarbeit und Netzwerke zu stärken und vor allem jungen Menschen internationale Erfahrungsräume zu eröffnen gehöre zum Selbstverständnis der Röstwerkstatt als Lern- und Bildungsort.“