Kraft tanken bei der (R)auszeit
Mix aus Entschleunigung, Gemeinschaft und Bewegung begeistert
Die besondere Atomsphäre in der Gemeinschaft macht einen wesentlichen Teil des Charmes der (R)auszeit aus. Foto: Ursula Altehenger
„Ich hätte vorher nie gedacht, dass man in eineinhalb Tagen komplett runterkommen und entspannen kann.“ Melanie Thoms nahm vor drei Jahren erstmals an der (R)auszeit – dem Pilger- und Impulsangebot für Mitarbeitende – teil. Heute, nach dem dritten Mal, ist die Faszination nicht verflogen. Im Gegenteil: Das besondere Wir-Gefühl, das in der Kolping-Pilgergemeinschaft allgegenwärtig ist, macht die Wiedersehensfreude umso größer. Und das Vertrauen, dass die (R)auszeit noch länger im Alltag nachhallen wird.
Warum sich der Erholungswert der (R)auszeit von einer Auszeit am Wochenende unterscheidet? Für Melanie Thoms sind es die Bewegung am ersten Tag, die Me-time am zweiten Tag und die Gemeinschaft. „Durch den Pilgerweg – sei es mit dem Fahrrad oder zu Fuß – bekommt man erst einmal den Kopf frei“, schwärmt die Qualidata-Mitarbeiterin. In diesem Jahr bot der Weg für die Fußgänger*innen auf dem rund acht Kilometer langen Weg von der Kirche St. Lambertus in Ense-Bremen zum Pilgerkloster Werl besondere Ausblicke. Vom Mucher Kreuz auf dem Haarstrang eröffnet sich ein Panoramablick weit über Werl und seine Basilika hinaus. Das konnte auch die Fahrradgruppe genießen, die in diesem Jahr in Soest gestartet war. Auf der knapp 30 Kilometer langen Strecke wechselten sich kleine Orte mit alten (Fachwerk)Häusern, die landschaftliche Weite der Haar sowie der eine oder andere Ausblick Richtung Möhnesee ab.
Fokus durch Kerzenschein
Schritt für Schritt wird das alltägliche Gedankenkarussell heruntergefahren. Um sich dann, nach den ersten Impulsen auf dem Pilgerweg und in der Basilika, intensiver mit dem Schwerpunkthema „Vertrauen“ auseinanderzusetzen und den eigenen Lebensweg aus dieser Perspektive zu betrachten. Bei Kerzenschein ging es im Klostergarten auf einen „geistlichen Weg durch Verletzung, Hoffnung und neues Vertrauen“. Die Wallfahrtsseelsorger*innen Ursula Altehenger und Markus Ende ließen entlang der sechs Stationen mit Gebeten, Psalmen, Impulsen und Fragen neue Gedanken entstehen. Wo in meinem Leben ist Vertrauen verloren gegangen? Was müsste geschehen, damit ich wieder Vertrauen wagen kann? Wo kann ich selbst dazu beitragen, dass Vertrauen wächst? Was gibt mir Hoffnung?
Melanie Thoms genießt es, beim Stationsweg zu entschleunigen und gleichzeitig anregende Impulse zu bekommen. Foto: Jana Sudhoff
Für Melanie Thoms war der meditative Rundgang das Highlight: „Die Rundgänge im Dunkeln inspirieren mich jedes Mal, ob die Taschenlampenführung durch die Basilika in den vergangenen beiden Jahren oder der Rundgang auf dem Trostweg im Klostergarten. Durch die ruhige Atmosphäre und den Lichterschein, der die Aufmerksamkeit fokussiert, konzentriert man sich auf sich selbst“, erklärt Melanie Thoms. Wem sie vertrauen kann? Der (R)auszeit-Gemeinschaft. „Auch wenn man nicht alle kennt, wird man unvoreingenommen aufgenommen“, schwärmt sie. „Und alles, was in Werl besprochen wird, bleibt auch in Werl. Vertrauen wird in der Gruppe gelebt.“ Und durch die vielen intensiven Gespräche, die oft mit der Arbeit gar nichts zu tun haben, gibt es weitere Denkanstöße und neue Kontakte innerhalb des Kolping-Bildungswerkes Paderborn.
Handy-Erinnerung: Brief an sich selbst
Neue Perspektiven gewinnen – dafür gab es viel Raum am zweiten Tag beim Morgenimpuls und beim Stationsweg durch die Basilika, das Pilgerkloster und den Klostergarten. So sah man beispielsweise eifrige Briefschreiber*innen, die in einem Brief an sich selbst reflektierten, welche Eigenschaften sie an sich selbst mögen, wofür sie dankbar sind oder was ihnen Hoffnung macht. Einen Raum weiter wurden wohltuende Bibeltexte ausgewählt und liebevoll gestaltet. Die „Klagemauer“ war später mit neuen Zetteln bestückt, auf denen die Teilnehmenden formuliert hatten, wonach sie sich sehnen, was ihnen guttun würde und was sie sich für ihr Leben wünschen. Viele individuell gestaltete Kerzen werden demnächst zuhause brennen und kleine Schutzengel aus Filz am Schlüsselbund hängen.
„Das Programm ist immer wieder toll. So etwas hätte ich bei einer Me-time am Wochenende nicht“, erklärt Melanie Thoms. Sie schätzt die gelungene Balance: Zeit für die eigenen Gedanken und Reflexion zu haben und dennoch immer wieder mit den Kolleg*innen ins Gespräch zu kommen.
Anregende Impulse und Entschleunigung hat Melanie Thoms mit in die neue Arbeitswoche genommen. „Man startet gestärkt und mit einem anderen Blickwinkel.“ Schon jetzt hat sie sich eine Erinnerung im Handy eingespeichert: Einmal im Quartal wird sie sich künftig selbst einen Brief schreiben. Auch die Sanduhr, die es im ersten Jahr gab, steht immer noch auf ihrem Schreibtisch. Wenn der Stress Überhandnimmt, wird sie umgedreht, um eine Minute nichts weiter zu tun als durchzuatmen. Auch ihr Mann kann inzwischen nachvollziehen, warum sie jedes Jahr aufs Neue von der persönlichen Auszeit im Pilgerkloster begeistert ist. „Ich hätte nie gedacht, dass man in eineinhalb Tagen so zur Ruhe kommen kann“, sagt auch Dennis Thoms. Der Funke ist übergesprungen – auch auf diejenigen, die zum ersten Mal dabei waren.